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Hochsensibilität mit Holzhacken begegnen (anstatt mit Meditation)

Hochsensibilität ist keine Gabe, sondern eine Funktionsstörung. Hochsensible Menschen werden von Reizen regelrecht überflutet, können sie nicht verarbeiten und geraten dadurch in eine zunehmende Überforderung. Ich helfe hochsensiblen Menschen, dass sie an Kraft und Stabilität gewinnen und mit den Reizen wieder adäquat umgehen können.

Rico Brunner, dass Dir bei Deiner Arbeit ein bestimmtes Thema immer wieder begegnet – Hochsensibilität – ist das ein Zufall?

Das ist eigentlich kein Zufall, weil sehr viele Menschen von Hochsensibilität betroffen sind. Was man aber sagen muss, dass es verschiedene Intensitäten von Hochsensibilität gibt und dadurch viele Menschen nicht immer merken, dass sie hochsensibel sind, sondern nur Zwischendurch. Und viele Menschen setzen sich erst mit dem Thema Hochsensibilität auseinander, wenn sie sehr stark davon betroffen sind.

Vielleicht kann man das mal anschauen: Wenn ich zum Beispiel sage, jetzt ist es mir zu laut, meine Kinder nerven mich – bin ich dann hochsensibel?

Nein, dann bist Du nicht hochsensibel, ausser es wird zum Zustand und Du hast es dauerhaft. Wir haben ne Tagesform und wenn ich jetzt eine schlechte Tagesform habe – ich habe schlecht geschlafen, ich bin gereizt, ich habe zu viel, dass ich erledigen muss – und dann sind noch die Kinder zu laut, dann ist klar, dann bin ich genervt, dann vertrag ich die Geräusche nicht, dann ist mir alles zu laut – das hat mich Hochsensibilität nichts zu tun.

Hochsensibilität geht da viel weiter und kommt eigentlich dann zu tragen, wenn die Überforderung zum Zustand wird, ohne dass es in dem Sinn einen Grund hat.

Kannst Du da vielleicht mal ein Beispiel geben, dass ich mir das vorstellen kann?

Ja, das hat damit zu tun, man hat eigentlich nicht so viel Stress, das Leben läuft eigentlich gut und man merkt, dass man mit allem überfordert ist. Und man kann sich nicht erholen, man kommt nicht zu Kraft, man kann nicht regenerieren und das, was man wahrnimmt, wie man es empfindet, kann man nicht verarbeiten und das löst eigentlich eine dauerhafte Überforderung aus.

So wie Du das jetzt sagst habe ich das Gefühl, das könnte auch ein Burnout sein….

Vielleicht von der Beschreibung her mag es ähnlich tönen. Der Unterschied bei einem Burnout ist, dass da nicht die Verarbeitung der Reize primär im Vordergrund das Problem sind, sondern die Kraft, die fehlt. Man ist dann müde, erschöpft, man kommt nicht in die Gänge. Man hat eigentlich eher keine Lust, sich auseinanderzusetzen, ist dann natürlich überfordert, aber nicht, weil man Reize nicht verarbeiten kann, sondern weil man die Kraft dazu nicht hat.

Wie zeigt sich denn das jetzt, wenn ich eben mit diesen vielen Reizen nicht mehr richtig umgehen kann. Was macht das mit mir – wie erlebst Du das in Deiner Arbeit?

Ich erlebe das so in meiner Arbeit, dass Menschen, die hochsensibel sind, die können Reize nicht verarbeiten. Das kann man sich so vorstellen: Das ist, wie wenn man in einem Raum steht und jemand wirft einem tausend rote Bälle zu, und man versucht, alle Bälle aufzufangen. Das heisst, man kann die Bälle nicht aufnehmen und die Bälle fallen auf den Boden und es herrscht Chaos und man kann die Reize nicht verarbeiten – so kann man sich Hochsensibilität vorstellen.

Wie gehst Du jetzt vor, wenn Du merkst, wenn jemand jetzt bei Dir in der Praxis ist, dass das das Problem ist. Wie arbeitest Du?

Als erstes – durch meine jahrelange Erfahrung – hat sich herausgestellt, dass eigentlich die Erlebnisse, die hochsensible Menschen haben, nur symptomatischer Natur sind. Also einem Menschen, der hochsensibel ist, dem fehlt das Fundament, die Stabilität, um Reize verarbeiten zu können. Das kann man sich wie einen Baum vorstellen, der eine schöne Baumkrone hat mit vielen Äpfeln, der Stamm ist so mitteldick und die Wurzeln sind ganz klein. Und wenn jetzt Wind kommt und Sturm kommt, dann kann der Baum dem Wind und dem Sturm nicht widerstehen. So kann man sich eigentlich Hochsensibilität vorstellen und deshalb muss man schauen, dass die Fundamente, die Wuzeln stärker werden und dann klappt das dann auch mit der Wahrnehmung.

Jetzt sagen ja viele, wenn man die Wahrnehmung nimmt – ich bin halt sensibel. Du sagst aber, dass ist eigentlich eine Störung….

Für mich ist Hochsensibilität eine Funktionsstörung und das ist mir ganz wichtig, das auch klar zu stellen, weil ich immer wieder beobachte, dass Hochsensibilität als eine Gabe dargestellt wird. Und ich empfinde das als eine sehr schwierige Aussage, Menschen gegenüber, die wirklich hochsensibel sind, für die das wirklich ein Problem ist, weil Hochsensibilität keine Gabe ist.

Hochsensibilität ist, dass die Fähigkeit fehlt, Informationen zu verarbeiten und das löst dann Stress aus. Und deshalb kann auch jeder Mensch hochsensibel werden. Und zwar dann, wenn das Fundament wegbricht, wenn man Reize nicht mehr verarbeiten kann. Das Paradoxe ist auch, dass oft gedacht wird, weil man viel spürt, habe man eine Gabe, aber eine Überempfindlichkeit ist keine Gabe, sondern eine Funktionsstörung – es fehlt die Fähigkeit und die Kraft, aus welchen Gründen auch immer, die Reize zu verarbeiten, richtig einzuordnen.

Jetzt stellst Du ja Energiefelder in Stand, das ist Deine Arbeit, so arbeitest Du. Wie muss ich mir das vorstellen – gibt’s da so ein «Hochsensibilitäts-Energiefeld»?

Nein, es gibt in dem Sinn nicht das Hochsensibilitäts-Energiefeld. Was auch wichtig ist zu sagen, es gibt bei der Hochsensibilität sehr viele Unterschiede, wieso der einzelne Mensch hochsensibel ist. Das muss man bei der Arbeit beachten. Man kann nicht einfach sagen «ok, jetzt ist der hochsensibel, also Standard 1, das wirkt bei jedem», sondern man muss schauen, wie ist die Hochsensibilität entstanden, wo sind die Schwachpunkte, und wie und wo muss man daran arbeiten, dass die Widerstandsfähigkeit aufgebaut wird, dass diese Reize verarbeitet werden können.

Jetzt stell ich mir das trotzdem so vor: Es gibt diese Felder und ich sage jetzt mal, jemand mit einer leichten Hochsensibilität: Wenn Du diesen Menschen anschaust – was siehst Du da?

Dann sehe ich einen Menschen, der Informationen nicht richtig verarbeiten kann, weil die Informationen im Energiefeld nicht abgelegt werden können, sondern man muss sich vorstellen, die kreisen immer im Energiefeld und stressen und nerven. Das ist wie eine Fliege, die einem um den Kopf herumschwirrt oder zwei oder drei Fliegen, die einen nervös machen, weil die einem nicht zur Ruhe kommen lassen. Und somit kann man sagen: Hochsensibilität im Energiefeld erkennt man daran, dass Informationen keine Heimat finden und eigentlich immer um den Menschen herumkreisen und somit sehr grossen Stress auslösen.

Und wie gehst Du da vor – dann braucht’s ja dann quasi, ich nehme jetzt das Bild der Fliegenklatsche, man muss ja die erwischen irgendwie, dass wieder Ruhe einkehren kann. Wie machst Du das?

Ich arbeite dann daran, dass die Menschen Stabilität bekommen, dass sie Ruhe bekommen, damit diese Informationen, die herumschwirren, die nicht eingeordnet werden können, dann an den richtigen Ort hinfinden, dass sie eigentlich wie den Hafen finden. Und das ist mir ganz wichtig zu sagen: Hochsensibilität ist der Zustand, wo Informationen nicht den richtigen Weg finden und dadurch herumschwirren und Stress auslösen. Und darum muss man daran arbeiten, dass die Energiefelder belastbar werden, dass sie widerstandsfähig werden, dass der Baum richtig starke, schöne Wurzeln bekommt, damit die grosse Baumkrone dann auch gehalten werden kann.

Merkt jemand, mit dem Du arbeitest, das, was Du machst?

Grundsätzlich ja, aber auch nein. Das hat ganz stark damit zu tun, ob ich im Wahrnehmungsfeld eines Menschen arbeite, das heisst, wenn ich daran arbeite, wo der Mensch seine Aufmerksamkeit hat, dann merkt er unmittelbar, woran ich arbeite. Arbeite ich aber ausserhalb des Aufmerksamkeitsfeldes, dann schaut der Mensch in die andere Richtig als die, wo ich arbeite, und dann merkt er die Wirkung der Arbeit eigentlich erst als Folge, verzögert und ein wenig später.

Aber das wichtige bei der Arbeit ist nicht, dass man etwas spürt, sondern, dass an den Punkten gearbeitet wird, die wichtig sind, die zu stärken und dann irgendwann wirkt es sich aus.

Mich würde ein Beispiel interessieren von jemanden, bei dem Du an Hochsensibilität gearbeitet hast. Was war die Ausgangslage und wo war die Person nach Deiner Arbeit.

Ich nehme als Beispiel eine ältere Frau, die ich begleitet habe. Die habe ich vor einigen Jahren kennengelernt und die war auf alles empfindlich. Sie konnte Informationen nicht verarbeiten, sie hatte Mühe mit Beziehungen, konnte sie nicht richtig einschätzen, war mit Begegnungen überfordert. Dadurch waren ihre Gedanken ganz durcheinander und obwohl sie sich extrem bemüht hat, hat sie ihr Leben eigentlich nicht in den Griff bekommen. Daraufhin hat sie begonnen, obwohl sie eine sehr gesellige Frau war, sich zurückzuziehen, um sich selber zu schützen, hat dann aber auch gemerkt, dass das gar nichts gebracht hat, weil der Zustand sich dadurch nicht geändert hat.

Und als ich damit begonnen habe, diese Frau zu begleiten, ging es mir um zwei Dinge: Als erstes das Energiefeld zu beruhigen, dass der Stress sich zu lösen beginnt, damit das Energiefeld zur Ruhe kommen kann. Und parallel habe ich daran gearbeitet, dass das Fundament gestärkt wird, dass sie Widerstandskraft bekommt. Und es hat sich dann herausgestellt, dass sie sehr viele Verletzungen aus der Kindheit mitgenommen hat, die dann zu starken Überforderungen und Erschütterungen im Selbstvertrauen, im Selbstwertgefühl geführt haben und dann eigentlich die Hochsensibilität dadurch ein wenig eingeläutet haben.

Da braucht es natürlich dann mehr, bis sich das dann wirklich entwickelt. Und sie war von der Typologie auch eine Frau, die sehr feine Energie hatte und die konnten diesen Verletzungen dann nicht widerstehen, das heisst sie konnten sie nicht kompensieren und daraus hat sich dann bis ins hohe Alter eine Hochsensibilität entwickelt.

Und je länger ich gearbeitet habe, desto mehr hat sich das Ganze beruhigt und sie konnte dann immer besser Situationen verarbeiten und sich auch entsprechend verhalten.

Also dann kann man sagen, dass eigentlich äussere Einflüsse durchaus das bei jemandem auslösen können, der ursprünglich diese Veranlagung gar nicht hat.

Genau. Und das auch damit zu tun, dass wir Menschen alle anders sind – das sieht man schon bei kleinen Kindern. Sobald sie beginnen zu Laufen oder früher, merkt man, der hat eher einen starken Willen, der hat eher einen schwachen Willen, der ist eher angepasst, der ist zufrieden, der ist unzufrieden – und so bringen wir alle eine gewisse Konstitution mit und da sind die einen anfälliger auf Hochsensibilität als die anderen. Das aber nichts damit zu tun, dass Menschen, die hochsensibel sind, ich sage mal «schwach» sind, sondern dass ist eine gewisse Konstitution, dass es eben Menschen sind, die eine gewisse Sensibilität mitbringen. Etwa so wie Menschen, die ignorant sind, die neigen dazu, im Alter nicht mit sich selber im Reinen zu sein, weil sie überfordert sind, weil sie sich dem Leben nicht stellen. Und so hat eigentliche jede «Charaktergruppe» ihre Aufgabe zu lösen.

Ich finde es noch interessant – es gibt ja viele, die sagen, sensibel zu sein ist ja eigentlich eine gute Eigenschaft, da kann man ja auch gut auf andere Menschen eingehen – das ist ja nicht nur schlecht…

Das ist mit allem so: Es gibt sehr viele Eigenschaften und Fähigkeiten, die sehr wichtig sind und die sehr gut sind – und da gehört die Sensibilität dazu. Die Frage ist nur, wie viel Sensibilität habe ich in Bezug zu meinen anderen Fähigkeiten. Und wenn die Sensibilität so viel Raum einnimmt, dass die anderen Fähigkeiten keinen Platz mehr haben, dann habe ich ein Problem.

Das ist für mich wie das Salz in der Suppe: Salz ist etwas wichtiges, Salz braucht der Körper, Salz ist schmackhaft. Aber wenn ich es zu gut meine und in die Suppe ein halbes Kilo Salz hineingebe, dann ist die Suppe ungeniessbar und funktioniert es nicht. Und so ist es auch mit der Sensibilität: Wenn ich in meinem Energiefeld die richtige Dosis Sensibilität habe, dann habe ich ne richtige Kraft und kann gut damit umgehen und es nützen. Habe ich eine Überdosis Sensibilität, dann gibt es eine Hochsensibilität, weil das Fundament fehlt und ich die Reize nicht verarbeiten kann.

Eigentlich möchten wir ja alle diese gute ausgewogene Dosis haben und eine Suppe, die eben nicht versalzen ist. Was kann jemand, der sich jetzt hier angesprochen fühlt von dem Thema, machen, dass er im Alltag besser klarkommt?

Vom Grundsatz gibt es da eine kleine Faustregel: Man soll sich nicht um das kümmern, das schon stark ist und sichtbar ist. Also das heisst, wenn jetzt jemand merkt, ich bin extrem sensibel, ich spüre sehr viele Dinge, bin manchmal überfordert mit Verarbeitung, dann sollte man die Aufmerksamkeit nicht in den Teil hineingeben. Dann sollte man eher schauen, dass man Dinge macht, die einen stabilisieren, wo man vielleicht nicht so paradoxerweise sich mit der Sensibilität auseinandersetzt, sondern versucht, Stabilität zu gewinnen, das was einen stärkt. Und das Paradoxe ist dann, dass die Sensibilität ein wenig zu verschwinden scheint, aber sie kommt dann einfach ins richtige Verhältnis und wird dann unbewusst viel schneller und besser angewendet werden.

Nehme wir eine Alltagssituation: Das ist ja häufig das Problem – theoretisch weiss man, wie es geht, aber dann in der Praxis wird man vom Ereignis überrollt. Kannst Du da einen Tipp geben?

Also ich glaube, da muss man ganz stark differenzieren, wie gross die Hochsensibilität ist. Bei Menschen, die eine sehr grosse Hochsensibilität haben, helfen Ratschläge und Tipps nicht mehr. Weil da ist die Hochsensibilität eigentlich ein Zustand und der kann fast nicht kompensiert werden.

Bei Leuten, die eine kleine Hochsensibilität haben oder vielleicht nur Zwischendurch, da macht es sicher Sinn, dass man sich immer wieder bewusst aus der Situation herausnimmt, versucht, zur Ruhe zu kommen, versucht vielleicht, den Alltag langsamer anzugehen, damit man weniger Stress hat und so eigentlich mehr zur Ruhe kommt.

Und bei einer hohen Hochsensibilität – da gibt es ja verschiedene Möglichkeiten: Man kann reden, also Gesprächstherapie – und man kann zu Dir kommen. Und wenn ich das jetzt habe und zu Dir komme: Was erwartet mich?

Was aus meiner Sicht dann sehr wichtig ist, ist, dass man daran arbeitet, dass die Stabilität zunimmt. Das Problem bei Hochsensibilität ist, dass es etwas ist, dass über Jahre entstanden ist und dadurch eigentlich leider von Dir – wenn Du jetzt zu mir kommen würdest und hochsensibel wärst – vor allem sehr viel Geduld verlangen würde. Weil, das Fundament muss natürlich wachsen, muss gestärkt werden, muss wieder funktionieren, dass die Reize verarbeitet werden können. Das, was man selber machen kann, was natürlich nicht einfach ist, weil man in einer Überforderung drin ist, ist versuchen, die Gefühle, die man hat, die Sensitivität, die man hat, die Reize, die man hat, weniger stark zu gewichten. Denn wenn ich immer mehr auf diese Gefühle höre, dann werden die immer grösser und ich kann sie nicht verarbeiten.

Jetzt nehme ich wieder den Baum: Das ist wie, wenn ich zu kleine Wurzeln habe, dann muss ich mich nicht um die Baumkrone kümmern und ich muss mich nicht um die Äpfel kümmern, die im Baum hängen, sondern ich muss schauen, dass die Wurzeln grösser werden. Und wenn ich die ganze Zeit auf die Äpfel und die Baumkrone schaue, dann wird der Teil immer grösser und das Problem verstärkt sich immer mehr.

Ist das auch so zu verstehen, zum Beispiel: Da wo ich meine Aufmerksamkeit hinrichte, dahin gehen meine Gedanken. Also, dass ich auch versuche, weniger zu denken, wenn ich an dieser Funktionsstörung leide?

Genau. Ich gehe noch einen Schritt weiter: Da wo unsere Aufmerksamkeit ist, da geht auch unsere Energie hinein, da entwickeln wir uns. Das kann man sehr schön beobachten bei kleinen Kindern, die mal hinfallen. Wenn man dann Energie und Aufmerksamkeit hineingibt, ob es ihnen gut geht, dann ist für die Kinder das Hinfallen auf einmal etwas sehr Schlimmes, obwohl sie sich nicht verletzt haben. Wenn man aber ein bisschen ablenkt, natürlich nach dem man überprüft hat, ob dem Kind nichts passiert ist, dann vergisst das Kind den Schmerz und kommt dann sehr schnell an den Punkt, wo es sagt: Das war ja gar nicht so schlimm, ich gehe weiter.

Bei der Hochsensibilität ist das natürlich viel komplexer, das ist nicht so einfach zu ändern, in dem man einfach sagt – ok, ich achte jetzt nicht darauf und dann sind die Probleme gelöst. Das ist wirklich ein Prozess, aber das wichtigste ist, wenn man wirklich hochsensibel ist, sollte man sich, bis es wieder stabil ist, nicht mit dieser Hochsensibilität auseinandersetzen, weil sie dann wieder grösser wird.

Es gibt ein ganz spannendes Phänomen: Ich arbeite ja sehr stark mit meiner Wahrnehmung, sehr stark mit der Intuition, eigentlich mit Reizen, und ich kenne sehr viele Menschen, die das lernen möchten – und ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nie darum geht, die Intuition zu fördern, sondern es geht immer darum, die Stabilität zu fördern. Denn nimmt die Stabilität zu, wächst eigentlich automatisch die Intuition.

Also eigentlich eine bestimmte Entspanntheit, Gelassenheit zu einem Thema entwickeln, dass mich belastet, aber ich versuche, einfach so mitzunehmen.

Genau, dass man wie versucht, in sich selber drin stabil zu sein, in der Hängematte liegen, in der eigenen Kraft zu sein und sich von dem Thema nicht aus dem Rhythmus bringen zu lassen, sich nicht ablenken zu lassen, sondern aus der eigenen Stärke und Kraft heraus, sich mit dem auseinandersetzen können. Und das merke ich auch bei mir bei der täglichen Arbeit mit Menschen: Das Problem ist nie, was zu sehen. Das Problem ist immer, genügend stark zu sein, es verarbeiten zu können.

Und da kommt mir eine kleine Geschichte in den Sinn: Früher wurde immer wieder gesagt: Ich möchte auch gerne das sehen, was Du siehst, mit den Energiefeldern. Und meine Antwort war immer: Das sehen ist nicht das Problem, sondern das Verarbeiten von dem, was man sieht und was man spürt. Und wenn man das verarbeiten kann, dann ist es sehr spannend, sich mit dieser sensitiven Seite auseinanderzusetzen. Und wenn man das nicht verarbeiten kann, dann kann das sehr traumatisieren und dann eigentlich zu einer dauernden Hochsensibilität werden.

Hat das auch damit zu tun vielleicht, dass wir ganz schnell dazu neigen, alles zu beurteilen und bewerten, kaum sehen wir etwas, nehmen wir etwas wahr?

Nein, in dem Moment, wo man noch beurteilen und bewerten kann, ist man nicht in der Hochsensibilität drin. Also Hochsensibilität von Menschen, die wirklich stark davon betroffen sind, also wenn ich jetzt ein Bild zeichnen würde, dann würde ich einen Menschen zeichnen in der Mitte ist und dann würde ich Gedanken, Erlebnisse, Gefühle zeichnen, die um den Menschen herumkreisen und den Menschen eigentlich so stark vereinnahmen, dass er wie nicht mehr zur Ruhe kommt. Das kann man sich vorstellen wie das Geräusch von der Autobahn, wo es von links kommt, von rechts und von vorne – und vor lauter Autos hat man keine Ahnung mehr, von wo der Verkehr her kommt. Und so muss man sich Hochsensibilität eigentlich vorstellen.

Ich habe es mehr auch gemeint im Sinne von, dass man das mitnehmen soll, nicht gross zum Problem machen, in dem man sagt «ich bin hochsensibel», sondern sich sagt: ja, es ist jetzt da; das man das irgendwie auch akzeptiert, dass das jetzt im Moment ein Teil von einem ist.

Genau, das Akzeptieren, dass es im Moment so ist, nimmt Stress weg, das zeigt auch die Realität auf, und sich dann um das zu kümmern, das einen stark macht – und das sind nicht die Gefühle und die Reize. Sondern, wenn jemand hochsensibel ist, dann empfehle ich, Dinge zu machen, die stabilisieren, die Kraft geben, die Ruhe geben. Da würde ich zum Beispiel einem hochsensiblen Menschen eher empfehlen, Holz zu hacken, anstatt zu meditieren. Eher Sport zu machen, sofern das möglich ist, anstatt einen Spaziergang im Wald, wo es darum geht, wieder Dinge wahrzunehmen. Das heisst im Prinzip, das Gegenteil von Wahrnehmung zu machen, bis es wieder ins Gleichgewicht kommt, wie bei bei dem Beispiel mit der Suppe – bis es so viel Salz in der Suppe hat, dass die Suppe wieder schmeckt.

Und darum ist für mich Hochsensibilität keine Gabe, weil es eine sehr grosse Überforderung ist.

Ich finde das spannend, das Beispiel mit dem «besser Holzhacken statt Meditieren». Wieso?

Meditation sollte eigentlich den Menschen zentrieren, den Menschen in seine Kraft hineinbringen. Aber der Weg der Meditation ist ein ganz feiner Weg, ein sensitiver Weg. Und wenn ich jetzt eigentlich mit meiner Sensitivität überfordert bin, und da quasi eine Entzündung habe, und mich dann in die Meditation hineingebe, dann gebe ich eigentlich diesem Gefühl, diesem Feinstofflichen noch mehr Raum – und dann wird die Baumkrone wieder grösser und die Wurzeln bleiben klein.

Und was passiert beim Holzhacken?

Beim Holzhacken ist es so, dass ich die Aufmerksamkeit nicht auf meinen Gefühlen habe, nicht auf meiner Wahrnehmung habe, sondern ich fokussiere mich auf das Stück Holz, das ich auseinanderschlagen muss.

Also bodenständig…

Genau! Ich kann auch die Küche putzen, die Küche reinigen, ich kann die Erde umgraben, ich kann basteln, ich kann malen – eigentlich alles Dinge, bei denen ich mich eher aufs Handwerk konzentrieren muss und nicht auf die Feinheiten.

Also mit dem Ziel, dass ich auch aus dem Kopf komme?

Nicht unbedingt aus dem Kopf aus dem Kopf kommen, sondern mit dem Ziel, dass der Fokus auf etwas Bodenständiges gerichtet wird.

Und was ist dann der Effekt?

Der Effekt ist, dass es beginnt, einen Ausgleich zu geben. Dass ist wie wenn jetzt jemand sagt, ich bin extrem gut im Rechnen, aber in Deutsch bin ich sehr schlecht. Dann finde ich es natürlich sehr gut, wenn man das Rechnen fördert, aber es ist schade, wenn man das Deutsch aussen vorlässt, weil es dann eine Diskrepanz gibt.

Es geht darum, wenn ich zu viel von der Wahrnehmung habe, und ich habe kein Fundament, dann muss ich am Fundament arbeiten. Wenn ich nicht am Fundament arbeite, sondern an der Wahrnehmung, dann wird das Problem sich immer mehr verstärken. Und das ist das, was ich auch immer wieder in der Praxis erlebe, dass Menschen mit einer leichten Hochsensibilität mit der Zeit eine starke Hochsensibilität bekommen, weil sie sich immer mehr mit den Gefühlen, mit den Eindrücken auseinandersetzen, diese immer mehr Raum bekommen und dann entsteht ein Ungleichgewicht.

Also dass sie sich eigentlich wie zu stark konzentrieren auf sich selber und sich sagen: «Jetzt muss ich meditieren, dass bringt mich in die Mitte»…

Genau oder zum Beispiel, dass man sagt: Ich bin jetzt sensibel, ich spüre sehr viel, jetzt muss ich lernen, mit dem noch mehr umzugehen, das noch mehr entwickeln, damit ich noch mehr Dinge spüren kann. Und das löst dann Probleme aus, dass ich dann so viel spüre, dass ich es nicht mehr verarbeiten kann und das Spüren und die Wahrnehmung sind ja nur ein Teil der Intuition. Der wichtige Teil oder vielleicht sogar der wichtigste Teil ist: Was mach ich mit dem, was ich spüre, kann ich es verarbeiten oder überfordert es mich? Verstehe ich das, was ich spüre, kann ich es richtig einordnen?

Und wenn man das eben nicht kann, dann nützt es nix, wenn man die Wahrnehmung noch weiter fördert und so das Problem eigentlich fördert, statt dass man es löst. Und darum geht es bei hochsensiblen Menschen eher darum, sich um bodenständige Sachen zu kümmern, damit das Fundament und die Stärke wachsen.

Kannst Du, wenn wir das jetzt nochmals zusammenfassen – wir haben das jetzt von verschiedenen Punkten angeschaut – aus Deiner Sicht sagen: Wie definierst Du Hochsensibilität?

Kurz und knackig: Hochsensibilität ist der Zustand, wo man Reize, Gefühle, Eindrücke nicht mehr verarbeiten kann. Und je stärker die Einschränkung beim Verarbeiten ist, desto hochsensibler ist man.

Und jetzt zum Schluss: Tipps und Tricks, da besser damit umgehen zu können…

Zu erkennen, dass Hochsensibilität ein Teil von einem selber ist, dass es nicht eine Gabe ist, sondern, dass es eher ein Ungleichgewicht ist. Dass das nichts Schlimmes ist, dass es im Leben immer wieder passiert, dass wir ins Ungleichgewicht fallen und es eigentlich darum geht, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Und nicht zu versuchen, aus der Hochsensibilität etwas zu machen, was es nicht ist. Es ist in dem Sinn nichts Spezielles, sondern es ist eine Funktionsstörung, die bewirkt, dass man Reize nicht verarbeiten kann und darum sehr viele Dinge sehr intensiv wahrnimmt, aber dadurch auch handicapiert wird.

Zum Abschluss noch ein kleines Beispiel: Wenn ich morgens aufstehe und ich habe schlecht geschlafen und ich bin gereizt und bin dann überfordert mit dem, was mir passiert im Laufe des Morgens, dann ist ja keine Fähigkeit, sondern eine Überforderung. Hochsensibilität kann man so anschauen und wichtig ist, dass man sich Zeit gibt, die Stärke wieder zu finden, damit die Lebenskraft wieder zunimmt und man dann wirklich viel besser mit den Gefühlen, mit der Intuition und mit den Reizen umgehen kann – und dann wird es eine Stärke.

Also Holzhacken statt meditieren…

Genau.

Rico Brunner, vielen Dank für das Gespräch. Das war der Podcast mit Rico Brunner zum Thema Hochsensibilität – schön waren Sie dabei.

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