Rico Brunner Blog | Audio-Podcast

Harmonische familiäre Beziehungen bedingen Freundschaft

Machen Neujahrsvorsätze überhaupt Sinn? Viele Menschen fassen sich fürs neue Jahr Vorsätze, die sie dann aber übers Jahr nicht einhalten können. Wenn man neu anfangen will, und sich etwas vornimmt, dann sollten die Vorsätze nicht darauf beruhen, dass ich sage, «Ich mag den roten Ball nicht mehr, sondern vielmehr – ich will jetzt den blauen Ball!» Denn häufig können Menschen nicht neu anfangen, weil sie den Blick auf das, was sie loslassen wollen, gerichtet halten. Und wenn man sich da neu ausrichtet, dann klappt es auch mit den Neujahrsvorsätzen.

Rico Brunner, Familie sollte eigentlich der Ort sein, an dem man sich geliebt fühlt, angenommen fühlt – wieso gibt es Menschen, die ein schwieriges Verhältnis zur eigenen Familie haben? 

Ich glaube, da muss man ganz stark darauf achten, dass schwierige Verhältnisse zur Familie eigentlich über Jahre entstehen. Die werden in der Kindheit durch Verletzungen, durch Missverständnisse gefördert, ausgelöst – man fühlt sich nicht verstanden von der Gegenseite, das kann von den Eltern zu den Kindern kommen, von den Kindern zu den Eltern, von Geschwistern untereinander, und das ist etwas, das sich aufbaut. Es hat viel mit Erwartungen zu tun, mit Enttäuschungen zu tun, wie man miteinander umgeht und ob man einen Weg miteinander findet. Das Spannende dabei ist aber, dass aus meiner Sicht, wenn man im Erwachsenenleben Probleme mit der Familie hat, die Ursachen nur scheinbar in der Vergangenheit sind, aber die wahren Probleme sind, dass man sich in der Gegenwart nicht anders verhalten kann, sondern sich eigentlich immer noch so verhält wie in der Vergangenheit und darum knallt es oder kann es knallen. 

Es heisst ja so schön: Seine Freunde kann man sich aussuchen, gerade im Erwachsenenalter, die eigene Familie bleibt aber, die hast du immer dabei quasi ….

’’Genau – das stimmt natürlich auch. Was aber eine sehr spannende Sichtweise ist, die das aufklären kann, ist: Die Freunde sucht man sich aus und bei Freunden entscheidet man sich – wie will ich, dass sich meine Freunde verhalten und man verhält sich entsprechend, man grenzt sich ab, man sagt was man will oder auch nicht, man ist da viel freier. Und das Problem, dass man mit der Familie Probleme hat, ist, dass man da weniger frei ist, weil man sich da nicht verhält wie bei den Freunden, wo man sagt: Hey, jetzt ist gut, jetzt ist genug, und wenn das nicht geht, dann müssen wir einen Weg finden und ich passe mich nicht an, ich stehe zu mir, ich bin jetzt erwachsen, ich gehe meinen Weg, so wie man das bei Freunden grundsätzlich machen kann. Und das ist eigentlich die grosse Diskrepanz, die ausgelöst wird, dass man sich zu Hause wie ein Kind verhält, das erwachsen ist, und bei Freunden verhält man sich als Erwachsener und darum gibt es da unterschiedliche Begegnungen.

Also so quasi, dass man sich, egal in welchem Alter man ist, wie das Kind fühlt, wenn man dann beispielsweise wieder bei den Eltern vorbeigeht? 

Vom Grundsatz her ja: Das kann man beobachten, wenn man mit dem Partner nach Hause geht oder mit Freunden mal zu den Eltern geht von den Freunden, dass sich da die Persönlichkeit ein wenig zurückzubilden beginnt, dass man kleiner wird – das muss auch grundsätzlich gar nichts Negatives sein. Es ist nur dann negativ, wenn man sich dabei nicht wohlfühlt. Was ganz spannend ist: Aus der Praxis heraus ist eine Aussage entstanden: Eltern werden, wenn man Erwachsen wird, zu Freunden oder zu Feinden. Und die Aussage meint, dass man mit den Eltern einen freundschaftlichen Umgang finden muss, und wenn der nicht stattfindet, dann ist die Gefahr gross, dass es dann zu Eskalationen kommt, zu Verletzungen kommt, die sich dann mit dem Alter immer mehr intensivieren.

Hat das auch damit zu tun, dass man vielleicht immer noch einen Erwartungsdruck spürt von Seiten der Eltern, dem man als Kind vielleicht mitbekommen hat, und man immer noch versucht, den Eltern zu gefallen?

Das ist die eine Seite. Ich glaube, die Gründe weshalb das passieren kann, sind so vielfältig wie die Menschen. Beim einen ist es der Erwartungsdruck, die Liebe, von der man das Gefühl hat, dass man sie nicht bekommen hat; beim andern ist es, dass er zu wenig bestätigt wurde oder dass er findet, er wurde zu wenig gesehen – da gibt es ganz unterschiedliche Gründe. Aber auch da ist es wieder spannend in meiner Praxis, wenn ich Leute begleite, die Probleme mit ihren Eltern haben, dann sprechen wir eigentlich nicht wirklich über die Vergangenheit, sondern es geht eigentlich wirklich um das Verhalten, das jetzt als Erwachsene stattfindet, und da glaube ich hat man die Aufgabe als Kind, wenn man das will – das ist ja schlussendlich jedem freigestellt – dass man den Mut und die Kraft aufbringen sollte, sich den Eltern auch zu stellen, sofern man das natürlich möchte und sofern die Eltern darauf eingehen.

Jetzt kann es ja auch die Extremsituation geben, dass jemand nach wie vor merkt, ich fühle mich hier eben nicht verstanden, ich kann mich nicht annähern – und dann bricht jemand mit seiner Familie. Was hältst Du davon?

Ich find, dass jemand mit seiner Familie bricht, ist eine Option, auf die jeder Mensch das Recht hat als Erwachsener. Ich glaube, bis jemand mit seiner Familie bricht, passiert extrem viel, hat es extrem viele Verletzungen gegeben, und aus meiner Sicht sind die häufigsten Gründe, wegen denen erwachsenen Kinder mit den Eltern brechen, dass sie sich von den Eltern nicht losgelassen fühlen, dass sie empfinden, dass die Eltern versuchen weiterhin in ihr Leben «hineinzupfuschen» und sie merken, dass sie ihren Weg nicht gehen können. Der zweithäufigste Grund ist, dass man nicht akzeptiert wird von den Eltern wie man sich selber fühlt und dann gibt’s dann noch viele weitere Gründe, wo sich jemand einfach nicht wohlfühlt. Und dann gibt es noch ein Tabuthema hier: Es kann vorkommen, dass sich Eltern und Kinder nicht verstehen, weil sie einander einfach nicht mögen. In der heutigen Zeit geht geht man immer davon aus, dass sich Eltern und Kinder immer grundsätzlich gut verstehen, aber es kann sein, dass Kinder und Eltern vom Charakter her so unterschiedlich sind, dass sie ein Leben lang den Zugang nicht finden. Und dann kann es auch für beide spannender Weise eine Erlösung sein, wenn zum Beispiel das Kind oder auch die Eltern den Kontakt abbrechen. Ich habe auch schon Eltern begleitet, wo die Kinder den Kontakt abgebrochen haben, wo die Eltern zwar sehr verletzt und enttäuscht waren, aber irgendwo haben sie gemerkt, dass es wahrscheinlich trotz allem ein guter Schritt gewesen ist für beide. Und das braucht Grösse, auch dem andern zuzugestehen, dass er die Möglichkeit hat und dass das auch zum ganzen Familienverhalten dazugehören kann, und dass es wichtig ist, dass man jemandem diesen Willen lässt, wenn er gehen will, weil erfahrungsgemäss dann die Wahrscheinlichkeit gross ist, dass vielleicht ein paar Jahre später derjenige den Weg wieder zurückfindet.

Wie war das jetzt in dem Beispiel, das Du gerade erzählt hast? Haben sie sich wieder angenähert – und falls ja: wie?

In dem Beispiel haben sie sich nicht mehr angenähert. Ich kenne aber Beispiele, wo sie sich sich wieder angenähert haben, und das ist dann vielleicht fünf oder zehn Jahre später wieder geschehen – und dann ist die Frage gewesen, ob beide daraus gelernt haben und sich weiterentwickelt haben. Wie gehen sie aufeinander zu – und wenn das klappt, dann kann daraus wieder eine neue Freundschaft entstehen. Und ich sage bewusst «Freundschaft», denn wenn man erwachsen ist, hat man in dem Sinne ja keine Mutter mehr und auch keinen Vater mehr. Also natürlich hat man immer einen biologischen Vater und eine biologische Mutter, aber als 50-zig, 40zig, 30ig oder 60ig-jährige erwachsene Person braucht man die Mutter ja in dem Sinne nicht mehr, wenn man selber genügend gefestigt ist, und dann sollte daraus eigentlich auch eine Freundschaft entstehen, die Idealfall auf Augenhöhe ist.

Wenn man älter wird, Kinder wie auch Eltern, kann das aber ja auch dazu beitragen, dass da eine Distanz entsteht…. 

Die Distanz entsteht aus meiner Sicht vor allem in dem Zeitpunkt, wo die Kinder zwischen 16 und 35 Jahre alt sind. Da gibt es die grössten «Auseinanderlebensphasen», weil die Eltern da oft in Richtung Pension gehen oder sich beruflich oder im Leben neuorientieren, wenn die Kinder aus dem Haus sind, und die Kinder endlich von der Kindheit frei sind – sie sind gross, erwachsen, wollen das Leben erleben, wollen sich mit Freunden treffen, nicht mehr mit der Familie Zeit verbringen. Und wenn man die Kindern dann ziehen lässt, suchen die Kinder erfahrungsgemäss mit 30ig, 35 oder spätestens 40 auf eine natürliche Art wieder den Kontakt zu den Eltern, wo es dann auch wieder Nähe geben kann. Ausser natürlich, wenn die Kinder selber Kinder bekommen, dann ist es oftmals so, dass die Nähe zu den Eltern, wenn’s gut läuft, wieder intensiver wird.

Man redet ja immer von diesem berühmten «Familiensinn». Gibt’s den heute überhaupt noch und was ist das für Dich?

Ich glaube, den Familiensinn hat’s immer gegeben und den wird es immer geben. Es ist aus meiner Sicht und meiner Erfahrung aber nur ein Teil der Familien, der diesen Familiensinn hat. Wenn man Familiensinn definieren will als Zusammengehörigkeitsgefühl, «wir schauen aufeinander», da gibt’s Familien, die haben das, die leben das hervorragend, weil die Eltern es miteinander vorleben und die Kinder dann mitmachen. Und ich glaube, die Voraussetzung dafür, dass man ein Familiengefühl bekommen kann, das positiv ist, ist es wichtig, dass die Eltern eine gute Beziehung zueinander haben, damit sie die Kinder mitnehmen können. Es gibt dann aber auch die negativen Familiengefühle, die dann mehr auf Tradition und Regeln beruhen, wo man sagt «in unserer Familie wird das und das gemacht und basta».

Wenn anschaut, dass es vielfach gerade auch bei Familienfesten kracht, wieso ist das so?

Da gibt es zwei Dinge. Das erste ist, wir haben in uns ein natürliches Gefühl, sofern wir einigermassen gut unterwegs sind, dass wir eigentlich wollen, dass alles gut kommt. Und wenn man jetzt Weihnachten mit der Familie verbringt, hat man eigentlich jede Weihnacht die Hoffnung und das Gefühl, dass es gut kommt. Und dann trifft man die Familie und es ist oft so, dass zu Beginn sich die ganze Familie eigentlich in der Regel Mühe gibt – ich sage mal mindestens in den ersten fünf Minuten oder in den ersten zwei Stunden. Und ab dann fällt es den meisten oft schwer, sich weiter Mühe zu geben und man beginnt, in die alten Rollen zurückzufallen. Und das kann dann auch sehr dramatisch werden, weil dann in der Gegenwart die Vergangenheit wiederholt wird. Also das heisst, wenn die Tochter von der Mutter oder dem Vater seit Kindsbeinen an nicht akzeptiert wurde und er ihr am Weihnachtsabend das Gefühl gibt, dass er sie eigentlich immer noch nicht akzeptiert, dann gibt es einen Trigger, der in die Vergangenheit zurückgeht und dann wie ein Gummiball in die Gegenwart zurückschnallt, und das führt dann zu einer Explosion, die dann kleiner oder grösser ist, Entweder implodiert man, setzt sich selber unter Druck und ist verzweifelt, oder man bricht aus und explodiert – und dann kann es zu sehr grossen Familienstreitigkeiten kommen.

Ja, weil das eskaliert ja dann zum Teil, das eine Wort gibt das andere… Hast Du da Tipps, wie man Familienfeste einigermassen harmonisch «hinter sich bringen kann», wenn man weiss, dass es Sprengstoffpotential gibt?

Da gibt es eine sehr gute Sichtweise. Im Leben gibt es zu erwartende Ereignisse, wo man sich aufregt. Ein Beispiel: Ich fahre mit dem Auto und ich weiss, ich fahre eine Strecke auf der Autobahn, wo es Stau gibt. Die meisten Leute werden sich aufregen, wenn sie in einen Stau kommen. Also obwohl man weiss, dass man in einen Stau kommen wird, regt man sich trotzdem auf und das macht eigentlich keinen Sinn, denn man regt sich über etwas auf, das nicht veränderbar ist, das vorhersehbar ist, und eigentlich müsste man sich auf der Autobahn darauf einstellen, dass man sich sagt «ok, ich fahre jetzt auf der Autobahn, da gibt es wahrscheinlich einen Stau, ich höre dann Musik, ich warte, ich nehme es dann gemütlich – und wenn es vorbei ist, ist es vorbei und dann fahre ich wieder weiter».

Und beim Familienfest ist es eigentlich dasselbe, dass man schauen muss, was ich für Familienmitglieder habe, und wie ist ihr Verhalten zu erwarten. Und wenn ich jetzt als Beispiel einen Vater habe, der mich immer nicht bestätigt, dann muss ich mich darüber nicht aufregen, weil ich ja weiss, dass er das tut. Und dann kann ich mich darauf einstellen und dann bin ich nicht verletzt. Wenn ich einen Bruder oder eine Schwester habe, die immer sticheln und blöde Bemerkungen macht, dann muss ich mich darauf einstellen und sagen, ja der ist so, der kann oder will nicht anders, also muss ich lernen, es nicht so persönlich zu nehmen. Und wenn man das übt, dann funktioniert’s vielleicht nicht bei der ersten Weihnacht, aber vielleicht bei der zweiten und bei der dritten immer besser. Und da geht es eigentlich darum, zu versuchen, sich auf Verhalten von Familienmitgliedern, die zu erwarten sind, einzustellen und es nicht so persönlich zu nehmen. Und – das ist eigentlich der wichtigste Punkt – zu erkennen, dass das Verhalten des Gegenübers mit einem selber eigentlich nicht so viel zu tun hat.

Du hast das angesprochen mit dem Trigger, das sind ja so tiefe Sachen, die dann ja eben unbewusst ablaufen, wenn ich dann eben doch wieder wütend werde – Gibt es da irgendeinen Tipp, wie man sich ziemlich schnell abkühlen kann, bevor es zur «Kernspaltung» kommt?

Ja auf jeden Fall. Das heisst: Wenn man nicht bestätigt wird, wenn man beleidigt wird, dann gibt es instinktiv einen Abwehrmechanismus, der sagt: «He, das stimmt nicht so, das ist ungerecht!» – und wenn man diesem Impuls Folge leistet, dann eskaliert es. In dem Moment, wo man aber sagt: «Ok, das ist seine Meinung, das ist seine Sichtweise, die muss mit mir ja nichts zu tun haben» – in dem Moment nimmt man dem ganzen den Wind aus den Segeln. Und da gibt es ein ganz spannendes Beispiel, das ich in der Praxis oft verwende: Wenn ein kleiner Junge zu einem erwachsenen Mann oder einer erwachsenen Frau hingeht und er vielleicht vier Jahre alt ist und sagt: «Du bist ein dummer Mensch!», dann schaut man den kleinen Jungen an und lacht. Wenn der kleine Junge dann 16 Jahr alt ist und er kommt zum Erwachsenen hin und sagt, du bist ein dummer Mensch, dann schaut man ihn an und sagt: «Pass auf!». Wenn der Mensch dann 30 ist und er sagt, du bist ein dummer Mensch, dann sagt man: «Das lass ich mir von Dir nicht gefallen!». Und wenn er dann 40 ist, dann findet man: «So, jetzt reicht’s!». Also das heisst, die Aussage bleibt immer dieselbe, aber wir interpretieren sie anders, weil wir dem Gegenüber weniger Gewicht geben. Und somit sind wir vor allem dann verletzt, wenn wir dem Gegenüber zu viel Gewicht geben. 

Und das ist natürlich in der Familie der Fall, weil einem instinktiv die Mutter, der Vater, der Bruder, die Schwester wichtig ist, auch wenn man sich vielleicht nicht versteht. Und da geht es darum, zu schauen, dass man versucht, das Gewicht vom Gegenüber rauszunehmen, in dem man sagt: «Ok, das ist seine Meinung, er darf mich nicht mögen, er muss mich nicht mögen», und wenn ich weiss, dass er mich vielleicht in einem Bereich nicht akzeptiert, dann ist es eigentlich sein Problem und dann muss er lernen, damit umzugehen. Das was ich jetzt beschrieben habe, ist natürlich hohe Schule, aber wenn man daran arbeitet, dann klappt’s vielleicht nicht im ersten, aber im zweiten oder im dritten Jahr – und das hilft auch, wenn man mit Menschen generell unterwegs ist.

Hat es auch damit zu tun, dass man vielleicht jedes Jahr – du hast das angetönt – hofft, dieses Jahr kommt’s gut, dass man die Erwartungshaltung hat, ja vielleicht hat er oder sie sich ja geändert?

Genau. Erfahrungsgemäss ändern sich Menschen langsam, aber der Mensch bleibt grundsätzlich derselbe. Und ich habe sehr viele Menschen begleitet, die zu mir das erste Mal in die Praxis gekommen sind, als sie vielleicht scho 50zig waren oder 60zig waren, und die haben sich eigentlich ihr Leben lang mit ihren Eltern auseinandergesetzt und eigentlich sind diese gleichgeblieben. Und ich denke, wenn sich Eltern verändern oder auch auch Geschwister, dann merkt man das sehr schnell – und wenn nicht, dann sollte man sich der Realität stellen und sagen: Ok, ich kann jetzt Erwartungen haben und nach dem Prinzip Hoffnung handeln, so à la, es kommt schon gut», und dann werde ich enttäuscht werden, ich werde verletzt werden, es wird eskalieren oder ich kann den Mut aufbringen und die Realität akzeptieren. Das würde eigentlich bedeuten, dass man sich sagt: Ok, mein Vater ist ein schwieriger Mensch und zwischendurch beleidigt er mich. Ok, er ist jetzt so, wieso soll ich mich aufregen, denn es ist ja sein Problem, wenn er in seiner unzufriedenen Welt lebt und das Gefühl hat, er muss mich kritisieren. Wieso soll seine Meinung Einfluss auf mein Leben haben.

Auch das ist natürlich einfacher gesagt als umgesetzt, aber wenn man diesen Ansatz verfolgt und daran arbeitet, dann merkt man relativ schnell, dass man Abstand bekommt, und die Trigger, die wie eine gespannte Feder sind, sich langsam zu lösen beginnen.

Kann man denn auch in dem man eben jemanden so akzeptiert, in deinem Beispiel den Vater, eigentlich durch Akzeptanz im Idealfall wieder etwas Nähe herstellen?

Durch Akzeptanz kann sich die Spannung anfangen abzubauen – und was da ganz spannend ist und was ich oft erlebe, wenn ich Menschen begleite, ist, dass wenn sich die Kinder verändern oder sich die Eltern den Kindern gegenüber in ihrem Verhalten verändern, dass sich das Verhalten des Gegenübers ebenfalls zu verändern beginnt. Das sind manchmal nur kleine Nuancen, die sich dann natürlich über die Jahre auch verbessern können. Das heisst, wenn mich jemand triggern will und er kann mich nicht triggern, dann macht das mit ihm ja etwas. Und das, was es mit ihm macht, verändert auch sein Verhalten. Denn es ist ja nur spannend, jemanden zu triggern, wenn er reagiert.

Als nehmen wir jetzt nochmals das Familienfest: Die Familie sitzt zusammen, Vater, Mutter, zwei erwachsene Kinder, jeder hat so seine Krämpfe mit dem andern. Wenn ich jetzt eine von diesen Personen bin, wie verhalte ich mich, damit es nicht wieder eskaliert, zumindest nicht von meiner Seite her, dass es einigermassen harmonisch über die Bühne geht?

Das erste, was Du machen musst, ist sicher mal, nicht das Ziel zu haben, dass es harmonisch über die Bühne gehen muss. Wichtig ist, die Realität zu akzeptieren, dass man sich sagt: «Ok, ich habe jetzt eine Familie, die Sprengkraft hat. Ich verbringe jetzt Weihnachten mit meiner Familie und wir werden wahrscheinlich nach einer Stunde zu streiten beginnen und das dauert dann zwei Stunden und danach geht der erste weinend aus dem Haus. Ok, das ist mal Realität – und ich akzeptiere diese Realität.» Und im zweiten Schritt: Warum soll ich mich denn, wenn ich weiss, dass das passiert, aufregen oder enttäuscht sein, wenn das etwas ist, das halt in der eigenen Familie so Standard ist und an Weihnachten passiert. Und wenn man die Realität akzeptiert und mit der Realität umzugehen beginnt, dann beginnt sich die Realität dadurch zu verändern, weil man nicht mehr an der Realität teilnimmt. Und das bewirkt dann, dass man auf Geplänkel, auf Sprüche anders zu reagieren beginnt, was dann wieder eine andere Reaktion zur Folge hat. Und ich erlebe oft, dass das Nicht-Aktzeptieren der Realität, der Situation die eigentlichen Probleme verursacht – und jetzt nehme ich nochmals mein vorheriges Beispiel: Wenn ich Autobahn fahre, muss ich damit rechnen, dass ich in einen Stau komme, und wenn ich mich dann über den Stau aufrege, dann bin ich selber schuld, und wenn ich eine Familie habe, wo ich weiss, dass sie Sprengkraft hat, und ich bin dann am Abend verletzt und enttäuscht, dass wir wieder gestritten haben, die zwanzigste Weihnacht nacheinander, wo wir streiten, dann muss man am eigenen Realitätssinn arbeiten und lernen, die Situation zu akzeptieren, ob man will oder nicht.

Gibt es Warnsignale, wo man sieht, dass es wieder kritisch wird, dass man aufpassen muss?

Oft ist es so, dass diese Verletzungen oder dieses Verhalten, das wieder in die Kindheit zurück geht, eigentlich unerwartet aus dem Nichts kommt. Wenn man merkt, dass man verletzt ist, ich sage mal, wenn jetzt zum Beispiel die Mutter einen verletzt, dass man sich dann sagt: «Ok, sie hat mich verletzt, das macht sie schon ihr Leben lang, sie ist so – wieso soll ich mich jetzt darüber aufregen. Und wieso soll ich sie ernst nehmen, wenn sie das als Kind schon macht, dann ist es ihr Problem, wenn sie so mit mir umgeht.»

Hat es auch damit zu tun, dass einem das halt trotzdem mit all den guten Vorsätzen, mit denen man vielleicht an so ein Fest geht, das man halt doch diese Liebe, Anerkennung irgendwo unbewusst in sich trotzdem gerne hätte?

Ja, das hat damit zu tun, dass jeder von uns zwei Mütter und zwei Väter hat. Man hat die Mutter, die man sich wünscht, wo man das Gefühl hat, das sie einem liebt, umsorgt und zu einem schaut; und dann hat man die Mutter, die man tatsächlich hat. Und das muss nicht deckungsgleich sein. Beim Vater dasselbe: Man hat den Vater, bei dem denkt: «Ich brauche einen Vater, der mich schützt, der zu mir schaut, der mich unterstützt» – und dann hat man den Vater, den man hat. Und was man nicht vergessen darf: Jede Mutter und jeder Vater ist bevor er oder sie Mutter oder Vater geworden ist, ich sage Mal «Mensch» gewesen. Natürlich ist man als Mutter oder Vater immer noch Mensch, aber der Charakter eines Menschen ändert sich durchs Mutter- und Vatersein nicht bei allen gleich und nur bedingt. Und das macht es dann auch für einige schwierig, Mutter und Vater zu sein.

Und wie ist das jetzt bei den Eltern, die merken ja auch, dass es schwierig ist. Sie möchten es gerne harmonisch und doch können sie auch nicht so richtig aus ihrer Haut. Wie erlebst Du das in der Praxis?

Das ist ganz spannend: Da habe ich mal eine Frau erlebt und begleitet. Sie hatte das Problem, dass sie von ihrer Schwiegertochter nicht akzeptiert wurde. Das hat da richtig geknallt und der eigene Sohn stellte sich auf die Seite der Schwiegertochter, seiner Frau. Im Laufe der Begleitung kam dann heraus, dass die Frau zu grenzüberschreitend in der Familie gewesen war und den Sohn zu nahe bei sich selber haben wollte. Die Schwiegertochter reagierte darauf und es ist immer wieder eskaliert. Dann habe ich sie begleitet und sie hat gelernt, bei sich selber zu bleiben, sie lernte, für sich selber zu schauen und sie hat gelernt, die Familie des Sohnes loszulassen und sich nicht immer einzumischen. Und dann ist etwas ganz Spannendes passiert: Dann ist die Schwiegertochter auf sie zugegangen. Und daraus ist jetzt ein grundsätzlich normales Verhältnis entstanden. Wenn natürlich diese Frau, die ich begleitet habe, wieder ins alte Verhalten zurückfällt, dann gibt’s wieder Rückschritte. Aber solange sie in dem Verhalten drinbleibt und akzeptiert, dass sie die Schwiegermutter ist, die Grossmutter, dass da ihr Platz ist, und dass sie – wenn sie einen Platz in der Familie ihres Sohnes will – eingeladen werden muss, nicht einfach hingehen kann, dass der gegenseitige Respekt aufrechterhalten werden muss, dann werden sie bis ans Lebensende ein gutes Verhältnis zueinander haben.

Also hat es auch viel damit zu tun, dass man manchmal die Rollen innerhalb einer Familie neu definieren muss, weil die sich im Laufe der Jahre auch verändern? 

Absolut. Dass ist ja wie in einer Beziehung mit einem Partner: Da verändern sich die Rollen auch die ganze Zeit, wenn man glücklich zusammenbleiben will. Man entwickelt sich ja und bei den Kindern ist es dasselbe. Ich mache ein Beispiel: Wenn ich einen dreijährigen Sohn habe, dann sag ich dem, was er zu tun hat. Ich fördere ihn, ich lasse ihm Freiraum, aber grundsätzlich entscheide ich für ihn, weil er ja noch nicht entscheiden kann. Und wenn ich jetzt einen dreissigjährigen Sohn habe und ich mich ihm gegenüber gleich verhalte, also dass ich zum Beispiel sage: «Findest Du Deinen Job gut? Mach doch mal eine Weiterbildung und leg doch mal Geld auf die Seite und überhaupt, du hast dir ein zu teures Auto gekauft!»; dann muss ich mich ja nicht wundern, dass mein Sohn mich abzulehnen und seinen eigenen Weg zu gehen beginnt und dass es dann wieder eskaliert. 

Also so quasi «Leben und leben lassen», dass die Kinder sich dann eben frei entwickeln können, auch wenn man das vielleicht nicht so toll findet, was sie gerade machen… 

Genau. Und ich würde da noch einen grossen Schritt weitergehen: Dass Leben der Kinder geht einen als Eltern nichts mehr an! Mit der Volljährigkeit und der Selbständigkeit müssen die Kinder die Verantwortung selber übernehmen, und wenn man sie das nicht lässt, dann beginnen sie selbstverständlich zu rebellieren. Das ist ein ganz natürliches und aus meiner Sicht sehr legitimes Verhalten. Und darum ist es wichtig, dass man einander leben lässt, indem dass man auch sagt: «Das ist dein Leben», und dass man auch als Eltern sagt: «Ich trau Dir Dein Leben zu!» Und sind wir mal ehrlich: Kinder werden, wenn sie erwachsen werden, ganz viele Probleme bekommen. Und das gehört zum Leben dazu. Sie werden vielleicht die Stelle verlieren, sie werden vielleicht gewisse Ziele nicht erreichen, Partnerschaften werden gesprengt, vielleicht werden sie geschieden – wir haben eine Scheidungsrate in Europa zwischen 45 und 50 Prozent. Also wenn man zwei Kinder hat, ist die Wahrscheinlichkeit 50 Prozent, dass einer von beiden geschieden wird.  

Und ich glaube, wenn man als Eltern versucht, das Leben der Kinder zu verhindern, indem man will, dass es ihnen gut geht, dann sprechen wir eigentlich von einer Entmündigung der Kinder, weil man dann als Eltern sagt «ich bin jetzt erwachsen, ich jetzt 50zig, 60zig Jahre alt, ich habe Lebenserfahrung und mein Sohn ist dreissig Jahr alt, der hat ja keine Ahnung, jetzt macht er schon wieder was, das nicht gut ist.» Und dann müsste man ihn ja faktisch entmündigen! Und deshalb ist es wichtig, dass man den Kindern das Vertrauen entgegenbringt und sagt: «Ich trau dir zu, dass du dein Leben lebst, auch wenn du manchmal Fehlentscheide fällst.» Und was man oft vergisst ist, dass Reife nur durch Unreife entsteht. Kleine Kinder sind unreif und alte Menschen sind im Idealfall reif – und dazwischen sind Dinge geschehen, die dazu geführt haben, dass man reif geworden ist. 

Wenn wir nochmals zurückgehen zum Familienfest: Wie könnte das harmonischer ablaufen? Wäre die Basis, dass es harmonisch sein kann, vielleicht auch, dass die Eltern loslassen, damit die Harmonie wieder einkehren kann? 

Genau – und ich gehe da noch einen Schritt weiter: Eigentlich nicht die Kinder einzuladen, sondern versuchen, die Kinder als Freunde zu betrachten, und dann Freunde einzuladen, damit man die Kinder so nehmen kann, wie sie sind. Und auch als Kind geht es darum, die Eltern versuchen als Freunde zu betrachten und nicht mehr als Eltern – und sich auch dementsprechend zu verhalten. Und der Grund, wieso ich «Freunde» sage, ist: Bei Freunden zieht man eine Grenze. Und darum funktionieren auch Freundschaften. Bei der Familie zieht man oft keine Grenze und darum funktioniert Familie oft nicht. 

Hier möchte ich gerne zum Schluss nochmals anknüpfen: Was wären so deine wichtigsten Tipps, wie’s eben klappen kann am Familienfest und wenn man sich generell trifft als Familie.

Ich glaube, das wichtigste ist, dass man versucht, nur das eigene Verhalten zu ändern. Dass man nicht versucht, das Verhalten der anderen zu verändern. Der zweite Punkt ist, dass man beginnt, die Realität zu akzeptieren von jedem Familienmitglied, dass man sich nicht über etwas aufregt, dass schon seit Jahren besteht. Dass man vielleicht akzeptiert, dass man einen schwierigen Abend haben wird und dass man versucht, damit entspannt umzugehen, dass man weiss, man muss es nicht persönlich nehmen – und dass man auch versucht, eine gewisse Toleranz dem Verhalten anderer gegenüber aufzubringen. Aber: Man hat auch das Recht zum irgendwann den Strich zu ziehen und zu sagen: «Das ist mir jetzt zu viel.» Und das ist mir ganz wichtig zu sagen, dass man das Recht hat, zu bleiben und auch das Recht hat, zu gehen. Und wenn man merkt, dass es für einen total nicht stimmt, dass man überfordert ist, dass es keinen Sinn macht, dann muss man und darf man auch den Mut haben, zu gehen und dann muss es auch nicht von allen verstanden werden. Und ich glaube, das ist ganz wichtig: Als erwachsener Mensch hat man die Freiheit, sich zu verhalten, wie man möchte, auch wenn es sich vielleicht nicht immer optimal anfühlt, weil man Angst vor Konsequenzen hat.

Also kann ich mich jederzeit entscheiden als «erwachsenes» Kind: Begebe ich mich, wenn ich merke, jetzt könnte es zum Schlachtfeld werden, da hinein oder nicht… 

Genau. Und indem dass ich vielleicht auch einmal an der Weihnachtsfeier aufstehe und sage: «So nicht!», setze ich vielleicht ein Zeichen dafür, dass es nächstes Jahr anders werden kann.

Das war der Podcast mit Rico Brunner zum Thema «Streit in der Familie» – schön waren Sie dabei.

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